Helga de la Motte (Hrsg.), Handbuch der Musik im 20. Jahrhundert
Band 12: Klangkunst



Von Objekt- und Installationskunst kommend, beschäftigt sich Andreas Oldörp seit
1985 mit den Wechselwirkungen von Klang und Raum. Seit 1988 entwickelt er Klanginstallationen und -skulpturen mit konstanten Klängen, die komplexe und räumlich-variable Klanggewebe erzeugen. Dabei verzichtet Oldörp auf elektronische Klangerzeuger; er verwendet Orgelpfeifen, die durch ein gläsernes Luftleitungssystem verbunden sind oder "Singende Flammen", bei denen butan- oder wasserstoffbetriebene Brenner die Luftsäulen in Glaszylindern zum Schwingen bringen.

Die sorgfältig gebauten und auch ihre visuellen Aspekte hervorhebenden Konstruktionen orientieren sich an den Linienführungen der gegebenen Architektur, setzen räumliche Markierungspunkte, von denen aus sich die Klänge im Raum ausbreiten. Als Primärtöne verwendet Oldörp häufig leicht verstimmte Intervallkonstellationen, die mehr oder weniger starke Schwebungsmuster ausbilden, die sich im Raum über lagern. Während Orgelpfeifen sehr feingliedrige klangliche Färbungen von Räumen erzeugen können, produzieren die obertonreichen Klänge der "Singenden Flammen" kräftige, raumfüllende Gewebe.

Diese Klangarchitekturen sind von den akustischen Bedingungen des Ausstellungsraums abhängig. Sie erschließen sich erst in der Bewegung durch den Raum. Manchmal ist nur eine minimale Ortsveränderung notwendig, um neue Bereiche des Klangraums zu betreten. Oldörp versteht dies als einen Prozeß individueller "Verortung". Den Architekturen aus Klang ist der Gedanke eines individuellen Findungsprozesses inhärent, der äußere Stimuli und inneres Erleben ständig neu synchronisiert.


Markus Steffens

OLDOERP